Gnome und pinke Boxhandschuhe

, 3. März 2010stories

Erst hatte ich überlegt, etwas Intelligentes zu schreiben. Ihr wisst schon – so etwas, was beweist, dass ich ganz enorm toll bin und es absolut verdient habe, bei Thang schreiben zu dürfen. Aber dann hab ich aufgehört zu überlegen und angefangen zu schreiben und wie immer, wenn ich das tue, weiß ich nicht, worauf es hinaus läuft – ich weiß aber, das nichts Intelligentes dabei rumkommen wird. Ich kann sowas einfach nicht. Es gibt so Leute, die schreiben einen verständlichen Text und zwischen den Zeilen sitzen diese kleinen Gnome, deren winzige Tatzen in pinken Boxhandschuhen verpackt sind, die alle paar Sekunden hervorschießen und einen matschigen Stempel auf deine Stirn drücken „Hier steht etwas Intelligentes“. Diese Zwischen-Zeilen-Gnome prügeln auf dich ein – aber hey, immerhin versteht man, worum es geht. Nicht so, wie bei der anderen Sorte Intelligenz. Da ruft man den Artikel auf, fängt an zu lesen und flucht schon nach drei Worten leise vor sich hin, weil man kein verdammtes Wörterbuch bereit liegen hat, das einem die komischen Fremdworteinschüber übersetzt, die der Autor hinein gekotzt hat. Solche Schreiber sind es, denen es vermutlich völlig egal ist, ob andere ihre Texte verstehen. Aber was noch viel schlimmer ist: Während ich davor sitze, verzweifelt über meine Nase reibe – wie immer, wenn ich überfordert bin und ja, diese Angewohnheit verhindert es, dass ich meine Überforderung verstecken kann – erscheinen schon die ersten Kommentare. Die ersten Trackbacks tauchen auch auf: Bunte Wimpel, wie sie in Pferdewettrennstadien hängen (nein, ich war noch nie in einem, aber ich bin ein Hollywood-Kind), die davon künden, dass dieser Artikel es wert ist, weiterverbreitet zu werden. Und ich sitzt noch immer da und weiß nicht, worum es geht.

Eigentlich sitz ich mein Leben lang da und weiß nicht, worum es geht. Irgendwann, schon in der Grundschule, habe ich diesen Mythos um meine Person erschaffen bzw. habe zugelassen, dass er erschaffen wurde und er existiert bis heute. Ich glaube, es war im Deutschunterricht. Ich saß da, klein und mit ständig strähnigem Haar, und die Lehrerin – Frau Winkler – verkündete, dass ich nicht nur die Einzige sei, die eine Eins erhalten habe, sondern, dass mein Aufsatz es sogar wert sei, vorgelesen zu werden. Da entstand sie bereits – die Legende der intelligenten Hannah. Das Ganze zog sich dann weiter fort, in der Realschule wurden meine Aufsätze zwar nur noch selten vorgelesen, aber die Einsen hatte ich weiterhin auf meiner Seite. Hinzu kamen die gelegentlichen Ausbrüche im Geschichts- oder Politikunterricht, die stets mit einem „Das ist ein guter Gedankengang, Hannah.“ gelobt wurden. Spätestens von da an galt ich dann wirklich als die intelligent. Damals war ich noch zu arrogant, um mich gegen diese Unterstellung zu wehren – jeder will doch so ein wenig gebauchpinselt werden – heute bin ich es nicht mehr. Heute glaubt mir aber auch niemand mehr.

Während ich also da sitze und mich frage, was mir der Scheißtext sagen will, werde ich mit Augen beobachtet, die in mir die intelligente Hannah sehen und zu wissen glauben, dass ich gleich jedem erklären werde, was ich da vor mir habe. Meistens rede ich dann irgendeinen Unsinn und noch mehr meistens ist dieser Unsinn dann entweder richtig oder so fragwürdig formuliert, dass es zu schwierig wäre, dagegen anzuargumentieren. Also war und bin ich als intelligent verschrien und nur ich weiß, dass ich eigentlich ein kleines Dummchen bin – noch immer klein, aber das strähnige Haar ist meiner wallenden Mähne aus sanft fallenden Haarglanzwellen gewichen, jawoll. So, wie Frau es sich wünscht.