Stories About A Hangover’d Life: „Cracknutten“ (#1)

, 28. Mai 2010various

Wie die meisten von euch wissen, wäre ich prädestiniert dafür, Geschichten über Alkoholexzesse, Abstürze und den bitteren Morgen danach zu erzählen. Vielleicht werde ich das zukünftig, aber viel mehr interessieren mich eure Blackouts, weshalb heute die Gastbeitragsreihe „Stories About A Hangover’d Life“ startet. Den ersten Beitrag hat mir Christoph von toyboys and some girls zugeschickt.


„Macht euch schick wir gehen heute aus“. Seit Wochenanfang brennt der ganze Körper auf diese Nacht, und sie wird wieder alle Erwartungen erfüllen. Besuch aus Berlin ist schwer kalkulierbar, entweder man versifft oder geht komplett unter – ich kann mit beidem gut leben. Es ist alles gut vorbereitet, das Wohnzimmer wird durch den neuen Elektroscheiß beschallt, die Getränke sind eingekühlt und die Einladungen auch schon längere Zeit verschickt. Wir beginnen zu trinken, zunächst jeder für sich alleine und zwischendurch zieht man sich auch mal um – man möchte ja nicht in den Alltagsklamotten auf Blickfang gehen. Der Raum beginnt sich zu verdichten, die ersten Besucher klingeln an der Tür. Das Handy wird laufend durch Absagen oder Verspätungen belästigt: „Wir kommen etwas später, verkleiden uns dafür aber als Cracknutten“. Ich lese vor, ein paar Jungs freuen sich. Der Berliner meint: „Ich weiß nicht was ihr sonst noch so vor habt, aber ich finde jetzt wird es schön langsam Zeit für Drogen.“ Er packt einen sorgsam zusammengefalteten Brief aus, legt mehrere Linien auf und lädt dazu ein. Wer will nimmt, die anderen bleiben stumm. Jemand stellt die erste Flasche Wodka auf den Tisch und jetzt kommt die Sache auch langsam auf Touren. Die letzten Gäste treffen ein, die ersten Langweiler verabschieden sich. Gut so. Wir leeren einige Flaschen, sinnlose Diskussionen entflammen und ich vibriere innerlich. Ein Mädchen legt mir mit ihrer Zunge ein Blättchen auf meine. „Es wird dir gut tun“. Wir beben.

Es ist Zeit zu gehen, die letzten Dosen werden als Proviant eingepackt und es geht in diesen neuen, ehemaligen Homoclub mit den dunklen, schmalen Gängen und zweideutigen Kabinen. Aus dem Taxi gesprungen schlägt einem der Türsteher auf die Schulter, man kennt sich. „Viel Spaß, übertreibt’s nicht“. Die Gruppe verliert sich in der Masse an Menschen, man trifft sich aber immer wieder um etwas Kräuterschnaps in der Runde zu verteilen – es wird ein guter Rausch. Ich verliere und finde mich an der aufgestellten Gogostange wieder, die Cracknutten sind jetzt auch da und sehen sogar gut aus wenn sie ihre Beine um das Metall schlingen. Der Bass hämmert gegen den Schädel, alles wird warm – ich lache, liege voller Freudentränen in den Armen eines Fremden der mir auch gleich versucht eine zu knallen – ich ziehe ihm die Bierflasche über den Kopf und er verschwindet. „Du schlägst zu wie eine Pussy“ brüllt mir das Berliner Mädchen lachend ins Ohr und ich sage nur: „Ich weiß.“ Sie gibt mir noch ein Kügelchen in die Hand und ich mache mich auf um auf der Toilette das letzte bisschen Verstand zu verlieren. Mein Spiegelbild sagt mir alles richtig zu machen – heute Nacht sind wir Götter. Ich fühle mich zum Sterben wohl, würde am liebsten die ganze Welt umarmen und beschließe es auch zu tun. Ich schwitze mir die gesamte Liebe aus dem Leib und bekomme nicht genug, es ist morgens und es ist noch nicht an Schlaf zu denken. Man trifft alte Gesichter und macht neue Bekannte, ein bisschen Zeit für Smalltalk bleibt immer.

Wir stehen vor dem Lokal und das Licht brennt im Auge. „Ich zeig euch einen Afterhourclub, aber ihr müsst sehr aufpassen da – alles Zuhälter und Verbrecher“. Die klassische Sightseeingtour sieht anders aus, aber man will ja etwas erleben und ich bin ein guter Gastgeber. Wir sind auf dem Weg, die ersten Sonnenstrahlen wärmen den Kopf. Wir geben unsere Jacken ab und gehen an die Bar. Die Stimmung ist unheimlich, hier findet man kein gutes Karma. Nach zwei, drei Tequilarunden sehe ich auf der anderen Seite des Clubs ein bekanntes Gesicht, drei mysteriöse Gestalten kreisen um ihn, haben bestimmt nichts gutes im Sinn. Ich zieh ihn an der Hand weg von Ihnen und wir beschließen zu gehen. „Ein Bier geht schon noch, aber nicht hier – nur eine Frage der Zeit bis sie uns abstechen“. Wir gehen in ein altehrwürdiges Wiener Cafe, sehr nobel und fangen an über linksradikale Politik in den 60er Jahren zu diskutieren – die Sonne erzeugt eine unglaubliche Intensität im Raum, für einen Moment glaube ich eine Beretta am Tisch liegen zu sehen – Baader hätte gelacht. Wir verschieben die Revolution auf morgen bevor sie uns frisst.

„Lass uns raus, irgendwo raus – ein bisschen den Frühling genießen“.
Wir spazieren zu einem großen Park, laufen einige Male im Kreis und lassen uns auf einer großen Wiese nieder. Jemand holt noch einige abschließende Getränke vom nahen Würstelstand und ich lege den Kopf in den Schoß dieses bildhübschen Mädchens dass mich schon zu Beginn des Abends gefesselt hat. Sie streicht mir durchs Haar und wir bleiben eine Weile so liegen. „Die Sonne scheint und uns geht’s gut – was will man mehr?“, fragt sie. „Dich“, denke ich und schlafe ein.

Die Augen öffnen sich langsam, es brummt und kracht. Ich versuche mich erstmal zurechtzufinden, blicke um mich. Sie liegt neben mir, ich lächle kurz und zumindest einige Erinnerungsfetzen kommen wieder. Ich ziehe die Decke über ihre nackten Schultern und stehe auf. Das Wohnzimmer wird noch immer in Endlosschleife zugedröhnt, vereinzelt liegen ein paar Menschen auf dem Fußboden. Ich schalte die Musik ab und zünde mir eine Zigarette an. Überall rollen Gläser, Flaschen und Aschenbecher in der Gegend rum. „Hey“, schleudert mir ein Fußbodenmensch entgegen. „Hey“, antworte ich angewidert. Zu einem längeren Dialog entwickelt sich das Gespräch nicht. In der Küche steht ein verwirrter Junge vor dem Kühlschrank – „Essen funktioniert nicht“. Ich lasse ihn stehen, hole mir Wasser um den Brand zu löschen und bringe ihr ein Glas ans Bett. Die letzten Meter krieche ich auf allen Vieren zurück. Ich lege mich wieder zu ihr, schwöre mir „Nie wieder!“ um in einer Woche den Schwur zu brechen. Ich will mich verschwenden, ich will lieben, ich will leben.

Und falls ihr euch ebenfalls mal die Seele aus dem Leib kotzen wollt, das Leben oder ihr euch selbst schon mal richtig gefickt habt, dann schickt mir einfach eure persönliche Hangover-Story zu und ich werde sie hier veröffentlichen.