Recap: Komfortrauschen @ XJAZZ Festival

, 10. Mai 2016culture, music, news

„Musik, ist nur das, was man mit den eigenen Händen erzeugt“… sagte mein Papa mir stets und wandte sich im Groll als echter Vollblutmusiker gegen Techno und Co. Zwar hatte für ihn elektronische Musik durchaus ihre Berechtigung, nichtsdestotrotz war sie eben nur Musik „zweiter Klasse“. So einige Streitereien wären mir erspart geblieben, hätte ich Papa damals schon von Komfortrauschen zeigen können. Im Rahmen des diesjährigen XJAZZ Festivals traten die drei talentierten Berliner am Wochenende im Privatklub auf und überzeugten das Publikum davon, dass elektronische Musik nicht immer bedeutet, nur an kleinen Rädchen zu drehen.

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Ähnlich wie mein Papa, gibt es noch viele andere Menschen, die elektronischer Musik kritisch gegenüberstehen und zum Beispiel das Spielen eines Live-Instruments als ausschlaggebendes Argument einsetzen, um technisch produzierter Musik ihren Wert abzusprechen. Komfortrauschen sind der Gegenbeweis. Wie? Ganz einfach: Man nehme einen Fender Precision Bass, eine Fender Telecaster Gitarre und ein Schlagzeug, kombiniere sie mit vielen verschachtelten Klangverfremdern und heraus kommt ein lebendig gewordenes Techno-Set. Minimalistisch und tanzbar. Komplett eins mit ihrem Instrumenr bastelten Laurenz, Philip und Tim so auf live auf der Bühne feinabgestimmte Beats und Melodien zusammen und improvisierten in einer erstaunlichen Klangfarbe. Dennoch war das Konzert nicht meinem üblichen Live-Auftritt zu vergleichen. So war für mich die Interaktion mit der Crowd wesentlich reduziertes. Als Zuhörer hatte man das Gefühl an einer Studio-Session teilzunehmen und den Jungs beim Musizieren zu zuschauen. Mit einer gewissen Distanz, aber der nötigen Nähe um über das musikalische Geschick zu bestaunen.

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Ob man ein lebendes Techno-Set nun braucht oder nicht, ob man dazu wie im Club tanzt oder eher andächtig philosophierend daneben steht, sei jedem selbst überlassen. Sicher ist: Das was das Klangkombinat aus Berlin produziert, funktioniert. Und damit zeigt Komfortrauschen genauso wie die anderen Bands und Produzenten, Singer-Song-Writer oder Instrumentalisten des XJAZZ Festivals, dass Musik wandlungsfähig und frei interpretierbar ist.

„XJAZZ“ lässt sich also im weiten Sinne als eine zeitgenössische Interpretation von Electronica, New Classical und vielem mehr definieren. Vor allem dem jungen Publikum wird auf diese Weise die Komplexität musikalischer Strukturen nähergebracht und der Live-Moment neu zelebriert. Denn nur weil es Elektronisch ist, muss es nicht immer gleich Club-Nacht bedeuten. Neben der von uns herausgepickten Perle waren, weitere Bands wie zum Beispiel Me And My Drummer oder erstklassige Produzenten wie Pantha du Prince und Schwarzmann Soiree, sowie Rapper Chefket auf der Bühne. In vier Tagen konnte man in den hippesten Locations Kreuzbergs erfahren, dass die von uns erdachten Schubladen und Grenzen musikalischer Genres oftmals miteinander hervorragend im Einklang stehen. Dass Berlin in diesem Kontext weiterhin ein wahres Epizentrums aufstrebender Künstler und Talente ist, wurde insbesondere bei einen Blick auf das diesjährige Line-Up deutlich. Über 70 Prozent der Interpreten waren nämlich Local Heros. Kulturelle Raffinesse par Excellence!

Wusstet ihr übrigens, dass der Begriff Komfortrauschen aus dem Englischen kommt (comfort noise) und bei der digitalen Übertragung menschlicher Sprache eingesetzt wird? Um die Sprechpausen während einer Unterhaltung über zum Beispiel Skype mit „Leben“ zu füllen, wird ein künstlich erzeugtes Rauschen verwendet. Ohne Komfortrauschen würde bei Gesprächspausen komplette Stille auftreten und der Zuhörer denken, die Verbindung wurde unterbrochen. Ein weiteres Indiz dafür, dass wir oftmals mehr hören, als wir scheinbar annehmen und jedes Geräusch seine Berechtigung hat.

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Mehr Informationen und News gibt’s unter www.komfortrauschen.net + FB.