MINDGAMES: Schritt für Schritt eine Erwartung weniger

, 1. Februar 2017news, stories
Ich schaue meinem Gegenüber in die Augen. Ganz tief. Noch tiefer. Ich konzentriere mich minutiös auf meine Gedanken. Ein weiterer Augenblick vergeht. Und? Nichts. Er checkt es nicht. Keine Reaktion. Dabei habe ich doch meine ganze Seele in diesen einen Blick gesteckt! Warum sieht er nicht, was ich denke? Warum denkt er nicht, was ich fühle? Das ist doch nicht zuviel verlangt! Oder vielleicht doch?

Unsere Erwartungen bringen uns manchmal beinahe um den Verstand. Sie rauben uns unnötig Energie und lenken vom eigentlichen Weg ab. Doch warum ist es so schwer, die Erwartungen beiseite zu schieben und manchmal nicht nur den ersten Schritt, sondern auch alle weiteren Schritte selbst zu machen?

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Ich ertappe mich dabei, wie ich mir gerade den letzten Rest Fingernagel zerkaue und mich dabei auch noch wundere, warum es auf einmal so weht tut. Immer noch keine Email. Immer noch kein Anruf. Vor fünf Tagen habe ich diese dämliche Facebook Nachricht geschrieben und immer noch keine Antwort darauf erhalten. Den ersten Schritt habe ich gemacht. Jetzt ist der andere dran! So oder so ähnlich kreisen unsere Gedanken häufig um den Konjunktiv des Möglichen. Wir hoffen, wir wünschen, wir verlangen und wir setzen voraus. Doch die ersehnte Nachricht, der erwartete Anruf oder die Entschuldigung bleibt aus.

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Egal ob bei unserem Partner, unserer Familie, den besten Freunden, Kollegen oder Geschäftspartnern… Erwartungen spielen oftmals eine verdammt große Rolle in unserem Leben. Manchmal beeinflussen sie unser Leben sogar so sehr, dass eine kleine Welt zusammenbricht, wenn sie nicht erfüllt werden. Doch egal wie oft wir uns auch sagen, dass wir nichts mehr erwarten wollen, schlagen sie immer wieder zu – diese verborgenen Wünsche und hoffnungsvollen Spekulationen.

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Warum können wir uns nicht freimachen von unseren Erwartungen?

Unsere Erwartungen sind oftmals der Strohhalm Hoffnung, an den wir uns klammern. Wir brauchen ihn, damit wir unsere Pläne für die Zukunft machen können. Erwartungen motivieren! Wenn wir nichts mehr von unserem Partner, unseren Freunden oder der Familie erwarten dürfen, was dürfen wir dann überhaupt noch im Leben voraussetzen? Es heißt ja schließlich: Geben und nehmen. Und wenn ich gebe, dann sollte auch etwas zurückkommen, oder?

Wer kennt diese Gedanken nicht?: „Wenn sie, das so gesagt hat, dann soll sie auch so handeln!“ oder „Klar! Das macht Freundschaft ja aus, dass er mir hilft!“ Erst wenn wir selbst in der Situation sind, in der großer Erwartungsdruck auf uns liegt, wird uns meistens bewusst, dass vieles gar nicht so glasklar ist. Oft kommt dieser Druck sogar nicht nur von den Menschen, die uns wichtig sind, sondern von der Gesellschaft. Immer mehr wird gefordert und vorausgesetzt. Immer enger wird das Korsett, in dem wir uns bewegen. Und teilweise schnüren wir es selbst noch fester zu. Dann erwarten wir von uns selbst zu viel und drohen keine Luft mehr zu bekommen.

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Mit unseren Erwartungen versuchen wir also vorauszuschauen, Ziele zu stecken. Sie sind eine Art magische Glaskugel, die wir uns selbst gebaut haben, um die Zukunft zu beeinflussen. In diese Glaskugel stecken wir die Beobachtungen, die wir an unseren Mitmenschen machen, unsere Werte und Normen, unsere Rollenbilder und schließlich auch unsere Liebe und unser Vertrauen. Alles zusammengemixt, et voilà: Wir wissen genau, was zu tun oder zu lassen ist. Und genau deswegen wird aus dem einfachen Wunsch oder der schlichten Hoffnung, diese gefährliche Erwartung.

Schließlich kann man ja erwarten, „dass sie sich diesmal von allein meldet“ oder „dass nach dem Projekt das Lob vom Chef folgt“, „dass ich eine immer gut gelaunte Mama bin“, „dass sich beim Familientreffen alle am Riemen reißen“ oder „dass ich für alle Freunde Zeit habe“. Und dann passiert es. Erst im Verborgenen und ganz leise, dann immer lauter, spüren wir ihn wachsen, den Zweifel. Das kleine Quäntchen Unbehagen, das in uns wächst. Plötzlich denken wir: „Hoffentlich habe ich nicht zuviel erwartet“!

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Das was wir jetzt fühlen, ist die aufkeimende Enttäuschung. Sie ist die Zwillingsschwester der Erwartung. Fast immer folgt sie ihr und nur selten bleibt sie aus. Wahrscheinlich liegt das Problem mit der „Erwartung“ bereits im Wort selbst: Wir warten! Wir hoffen oder wünschen uns nicht nur etwas, wir setzen auf seine Erfüllung! Und wenn diese nicht eintritt, dann sind wir enttäuscht. Tja, wer wartet schon gern auf etwas, das nicht geschehen wird!

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Und was nun? Ohne Erwartung geht nicht, und mit Erwartung betrügen wir uns selbst?

Wahrscheinlich können wir unsere Erwartung niemals einfach so vergessen. Aber wir können lernen, dass wir manchmal nach dem ersten Schritt, auch einfach alle anderen Schritte selbst machen. Einfach nicht mehr nur warten, sondern loslaufen. Wohin? In die Richtung in die wir wollen. Und oftmals, passiert dann genau das, was wir uns eigentlich wünschen: Dass uns die Menschen, die wir lieben oder schätzen, uns folgen. Dass auf einmal die Chance auf einen neuen Jobs, eine erhoffte Bekanntschaft oder einzigartige Erlebnisse auf uns zukommen. Das Leben belohnt uns, wenn wir ihm entgegentreten. Und auch eine Enttäuschung, zeigt uns ihre ungeahnten Vorzüge: Sie löst unsere „Täuschungen“ auf. Sie entlarvt unsere Illusionen und führt uns zu neuen Erkenntnissen. Bleibt nur zu sagen: Vorwärts, ahoi!

Fotos: Helen Hecker