MINDGAMES: Über das Dilemma der Vielseitigkeit

Es ist Sommer in der Stadt. Die Fenster sind weit aufgerissen, die Hitze schlägt mir ins Gesicht. Vernebelt ein wenig meine Sinne und lässt meine Gedanken abschweifen. Ich zerzause einen Augenblick meine kurze Mähne und starre fragend den blickenden Cursor auf meinem Bildschirm an: Was wollte ich gleich nochmal als nächstes schreiben? Ok. Durchatmen, fokussieren und dann weiter. Doch wohin?

Manchmal denke ich, dass ich wesentlich effektiver und vor allem besser wäre, wenn ich mich nur auf EINE Sache konzentrieren würde. Aber dürfen wir uns das heute überhaupt noch leisten? Und wo sollten wir unsere Prioritäten setzen?

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Vor gut zwei Jahren habe ich die Entscheidung getroffen, als Freiberuflerin meinem Leben einen neuen Anstrich zu geben. Immer wieder fragen mich neue Freunde und Bekannte: „Und was machst du so? Also beruflich?“ Ich grinse dann meistens ein wenig verkniffen, hole einmal tief Luft und versuche es in so wenigen Worten wie möglich zu erklären. Längst passt die Berufsbeschreibung heutzutage nicht mehr in das eine Wort, mit dem man früher noch kurz und knackig dem Lehrer erzählt hat, was Mama oder Papa machen.

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Es soll jetzt nicht der Eindruck entstehen, dass ich meine Entscheidung bereue. Nein, ganz im Gegenteil. Schon vor langer Zeit habe ich verstanden, dass ich jemand bin, der sich nach ständiger Veränderung, neuen Ideen und Entdeckungen sehnt. Das Gefühl jeden Tag genau zu wissen, was auf mich wartet, fühlt sich für mich an wie ein Korsett an, das mir den Brustkorb zuschnürt. Und dennoch gibt es Tage und Wochen in denen ich das Gefühl habe, entschleunigen zu müssen und nicht mehr „auf allen Hochzeiten zu tanzen“. Der Grund dafür ist so einfach wie banal: Wie gut wäre ich in den Dingen, die ich mache, wenn ich mich auf eine Sache konzentrieren würde?

Umso mehr ich kann, umso mehr Chancen habe ich.

Während unsere Eltern noch mit der Prämisse aufgewachsen sind, möglichst ein Experte auf einem Gebiet zu werden, hat sich seitdem der gesellschaftliche Anspruch, aber auch unser eigener zunehmend verändert. So gilt heute meistens: „Umso mehr ich kann, umso mehr Chancen habe ich. Umso facettenreicher ich bin, umso interessanter wirke ich auf andere. Das alles jedoch immer mit einem gewissen Level an Wissen, Qualität und Kreativität, denn wer nur vorgibt etwas zu können, fliegt eh auf!“

Heute geht es darum eine Palette an Qualitäten anbieten zu können und zwar nicht nur harte Skills, sondern auch die Butterweichen. Dazu zählt zum Beispiel: Immer auf dem neuesten Stand zu sein, die wichtigsten Menschen und News zu kennen, flexibel und mobil zu sein, sowie ständig sozial vernetzt. Klingt eigentlich ganz einfach, aber nimmt viel Zeit in Anspruch und deswegen sind wir immer mehr darauf angewiesen, unsere Kapazitäten zu priorisieren.

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Als ich noch festangestellt war, war das natürlich nicht einfacher: Die Arbeitszeiten waren unflexibel und ließen für viele verschiedene Leidenschaften, neue Bekanntschaften oder Herzensprojekte keinen Platz. Man musste sich entscheiden und einige Vorhaben wieder von der Liste streichen. Seit ich selbstständig arbeite, habe ich zwar die Freiheit mich auszuprobieren, mich ab und zu diesem und ab und zu jenen zu widmen, aber gleichzeitig bedeutet es auch: Ich widme mich vielen Dingen auf einmal.

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Das eine Projekt läuft parallel zum anderen, oft denkt man zeitgleich ans nächste und zwischendrin versucht man neues zu lernen. Zum Beispiel: Gitarre spielen. Und genau dabei, kam mir die Idee für diesen Artikel. Wie gut, könnte ich nach gut einem Jahr nun spielen, wenn ich alles andere dafür streichen würde? Wahrscheinlich besser, als jetzt. Und wahrscheinlich würden viele Künstler noch mehr Kreatives und Erstaunliches produzieren, müssten sie sich nicht gleichzeitig darüber Gedanken machen, wie sie ihre Miete zahlen und den Kühlschrank füllen. Wahrscheinlich heißt der Preis der Freiheit nun einmal, auf mehreren Hochzeiten zu tanzen, zu mindestens solange bis wir das nötige Kleingeld für unsere Eigene haben. ;)

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Summer in the city: Zeit zum Nachsinnen und Prioritäten setzen. Pictures by Helen Hecker.