Album Review: Loyle Carner – ,,Yesterday’s Gone“

Vor vier Jahren noch im Vorprogramm von MF DOOM, jetzt mit seinem im Januar erschienen Debütalbum ,,Yesterday's Gone'' alleine unterwegs. Können wir kurz über Loyle Carner sprechen?

Für manche Alben braucht man ein wenig länger. Nicht, weil man sie nach dem ersten Hören doof fand, sondern einfach um sicherzugehen, jeden Aspekt des Albums während der Meinungsbildung berücksichtigt zu haben. So erging es mir mit Loyle Carners neuem Album ,,Yesterday’s Gone“, welches am 20. Januar diesen Jahres erschien. Loyle ist krass, unaufgeregter und irgendwie ehrlicher als die vielen Gangster-Rapper die momentan so unterwegs sind. Nicht, weil Gangster-Rapper nicht ehrlich sind, sondern weil der 22-jährige Brite keine Angst davor hat, sich vermeintlich normalen Themen zu stellen, die am Ende nun mal nicht davon handeln, was für ein krasser Macker er ist (obwohl er jedes Recht dazu hätte). Das Titelbild des Albums ziert eine Gruppe Menschen. Niemand von ihnen sieht ehrlich gefährlich aus oder schmückt sich offensichtlich mit materiellen Statussymbolen. Ein wenig wie das deeskalierende Pendant zu Kendrick Lamars ,,To Pimp A Butterfly“. Nur um es mal klarzustellen: auch die Briten können Härte zeigen. Vor allem gelingt ihnen das im Grime. Spätestens nach Skeptas Album ,,Konnichiwa“ ist uns das klar. Zurück zu Loyle Carner, der mit ,,The Isle Of Arran“ ein ziemlich episch klingenden Track als ersten seines Albums wählte. Zu verdanken ist dies dem ,,The Lord Will Make a Way“-Sample des S.C.I. Youth Choir aus dem Jahre 1969.

Nach diesem kraftvollen Beginn beschenkt uns Loyle durch ,,Mean In The Morning“ mit smoother Melancholie, die jedoch schnell durch die Leichtigkeit von ,,Damselfly“ abgelöst wird – Tom Misch als Feature sei Dank. Ein anstrengendes Auf und Ab der Gefühle? Wäre es, wenn da nicht durchgängig jazzige Einflüsse gepaart mit gitarrenlastigen Parts wären, die das Album vereinheitlichen und von Anfang bis Ende begleiten. Der rote Faden bleibt also erhalten. Nicht erst im vorletzten Track des Albums wird klar, worauf es Loyle ankommt. Doch vor allem in ,,Son Of Jean“ wird deutlich, dass der Verlust seines Vaters im Alter von 19 für ihn immer noch äußerst präsent ist. Ein Klaviersample des Vaters sowie der Rezitation eines Gedichts durch seine Mutter geben nicht nur diesem Track, sondern dem ganzen Album eine persönliche als auch besonnene Note. Auf was konzentriert man sich, wenn man den Verlust eines geliebten Menschen zu verkraften hat? Im Fall von Loyle Carner sind es die immateriellen Dinge, nämlich die Menschen die sein Cover schmücken. Denn Freunde sind immer noch die Familie, die man sich selbst aussucht.

Wir haben immer noch Februar und noch nicht mal die Kältewelle geschweige denn unsere Winterdepression überstanden. Trotzdem möchte ich mich so weit aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass ,,Yesterday’s Gone“ eines der Hip-Hop Highlights 2017 sein könnte. Überzeugt euch selbst.

CREDITS
all images © Caroline / Universal