MINDGAMES: Rollenspiele – oder wer bin ich?

Und in wie viele Rollen seid ihr heute geschlüpft? Eine pro Social Media Kanal oder gehört ihr eher zu denjenigen, die immer und überall voll und ganz authentisch sind? Wohin ich auch gehe und blicke, stolpere ich derzeit über das Thema "Rollenspiele". Grund genug mich zu fragen, wo und wie viel "ich" eigentlich zwischen den vielen Rollen steckt, die wir täglich spielen.
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Das erste Mal, dass ich in den vergangenen Wochen darüber nachgesinnt habe, ob und wie oft man in andere Rollen schlüpfen sollte, geschah beim Interview mit Y’akoto. Wir haben über das Thema „Ehrlichkeit“ geredet und die begnadete Songwriterin hat mir offen und ehrlich dazu erklärt, dass man sich „unbedingt die Freiheit nehmen sollte, in andere Rollen zu schlüpfen“. Das zweite Mal war ein Telefonat mit einem Clown. Ja genau. Einem professionellen Clown, der in Mailand nicht nur eine Schule für Clownerie besitzt, sondern auch das erste Internationale Clownfestival gegründet hat und in seinem Beruf eine Lebensmission sieht.

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Maurizio hat mir erklärt, dass die Fähigkeit spielerisch eine gewünschte Rolle anzunehmen, nur funktioniert, wenn man das richtige Maß an Empathie besitzt, um sich in einen anderen Charakter einzufühlen. Mehrmals im Monat macht Maurizio mit seinen jungen und alten Clown-Schülern Straßenaktionen, bei denen sie versuchen die Menschen für wenige Minuten aus ihrem Alltagstrott zu locken und ihnen ein Lächeln zu entzaubern. Ein wichtiger Teil seines Clown-Unterrichts ist dabei das Rehabilitierungsprogramm für jugendliche Kriminelle. In ihrer Clown-Rolle können sie mit ihrer Persönlichkeit spielen, sich von alten Rollen befreien, auf andere zugehen und wieder sozialisieren.

In dem Moment, in dem wir bewusst eine Persönlichkeit vorgeben, lernen wir am ehesten wer wir wirklich sind.

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Und drittens habe ich aufmerksam das Interview mit dem Soziologen Wolfgang Engler, dem Leiter der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, im aktuellen Fluter gelesen. Ist es denn in Ordnung Rollen zu spielen, oder verstecken wir damit, wer wir wirklich sind? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, musste ich mich zu allererst fragen, wer oder wo denn das „ich“ in mir ist?

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Aufgepasst! Nicht das ihr jetzt denkt: „Schizophrenie lässt grüßen“. Aber mal ganz ehrlich: Jeder von uns bedient sich tagtäglich unzähligen Rollenbildern. Da gäbe es die Rolle der verantwortungsvollen Tochter, deren schlechtes Gewissen sich regt, wenn sie schon länger nicht mehr zu Hause angerufen hat. Dann hätten wir im Angebot die Freundin, auf die man sich verlassen kann, das verrückte Partygirl, das manchmal durchdreht und die ganze Welt umarmt, eine seriöse Kollegin oder Geschäftspartnerin im Gespräch mit dem Kunden, kunstaffiner Insider und Travel-Freak auf Instagram, der gutgelaunte Musik-Buddie oder die verträumte Weltverbesserin. Jede Rolle ist geprägt von den Erfahrungen, die wir machen; unserer Erziehung; den Menschen, denen wir begegnen; den Dingen, die uns inspirieren. Und jede Rolle ist ein Teil von uns.

Das „Ich“ ist nicht das, was übrig bleibt, wenn wir alle sozialen Rollen abziehen, sondern der Wesenskern, der jede Rolle lebendig macht.

Doch was ist nun authentisch und was gespielt? Jemand der behauptet nie in irgendein Rollenbild zu schlüpfen und nur „er selbst“ zu sein – sei es ein gesellschaftlich gewolltes oder ein selbsterdachtes – ist meines Erachtens genauso grotesk und lächerlich, wie die Automarke, die uns vorgaukelt mehr „Natur“ zu erleben, wenn man ihre „Country Edition“ fährt. Wenn wir im Alltag unsere Rollen spielen, dann sind wir dabei nicht unbedingt gleich weniger authentisch.

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Allerdings lässt sich genauso gut beobachten, wie sich viele, in einem gesellschaftlichen Konstrukt verlieren. Ganz besonders bizarr ist dabei der allgegenwärtige Trend hin zu mehr Individualismus. Ein Individualismus der meines Erachtens heutzutage eher narzisstische Züge annimmt und der in beängstigendem Ausmaß in Ichbezogenheit gipfelt. Generation Selfie, Generation Ich-Optimierung. Wir investieren viel Zeit, um ein möglichst kreatives, makelloses oder gutherziges, ein intelligentes, schräges oder gar abenteuerliches Bild von uns zu schaffen. Immer mit dem Credo: Wenn wir diesem Bild treu sind, dann sind wir ein Orginal, dann können wir Erfolg haben, dann setzen wir uns gegen die anderen durch, sind auf der Gewinnerseite.

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Wir haben dieses Optimum von einer Generation gelehrt bekommen, die zuvor gegen Gleichschaltung und Mitläuferkultur protestierte. Ich kann mich kaum davon zurücknehmen, denn auch ich bewundere jene, die den Mut hatten zu sagen: ICH stehe auf. ICH zeige, dass es auch anders geht. ICH gehöre nur mir. ICH will frei sein. Paradigmen der wilden Sechziger: Hippie-Kultur, Befreiung, Aufstand, Selbstverwirklichung. Überall tauchen diese Paradigmen in meinem Leben auf, ziehen sich durch die Musik, die ich höre, durch die Kultur, der ich mich zugehörig fühle. Und doch, erkenne ich einen Makel.

Wenn wir uns nur darauf konzentrieren, unser „Ich“ zu entwerfen, dann werden wir es vergeblich suchen.

Am Ende finden wir unser „Ich“ nicht, indem wir uns nur auf uns selbst konzentrieren. Auch die Hippies mussten sich damals zusammentun, bevor sie der Welt einen Anstoß gaben. Das Ergebnis war dann eine Gruppe von Individualisten, mit dem Ideal „Sei du“. Doch wie erkennen wir, wer das ist? Letztendlich nur, in der Reflektion mit den anderen. In dem Moment, in dem ich mich in jemanden hineinversetze, entwickle ich eine eigene Persönlichkeit und Identität. Und dieses innere Rollenspiel, setzt Empathie voraus. Oder besser gesagt: Die Fähigkeit, nicht nur über sich selbst nachzusinnen, sondern den Fokus auf die Beziehungen zu den anderen Menschen zu richten. Mit ihnen in Dialog zu treten, und somit auch mit mir selbst. Also weniger Selfies und mehr Schnappschüsse von unseren Mitmenschen. Weniger Image-Wahn, sondern mehr Rollenspiele! Denn genau dann, freut sich die Seele in uns. Und vielleicht ist sie es ja, die übrig bleibt, wenn wir alle anderen Rollen abzögen.

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Die Fotos zu diesem Artikel sind während einer Reise nach Sizilien entstanden. Umgeben von der Natur lässt es sich wohl am besten über das „Ich“ nachsinnen. (c) Helen Hecker